Artikel in der Erziehungskunst Juni 2014

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern kann manchmal seltsam und unberechenbar sein. Eben ist noch alles ganz entspannt und schon im nächsten Augenblick kracht es. Einer sagt was, und der andere wird sauer. Geht es auch anders?

Bertil (11) versucht, seinen Vater davon zu überzeugen, dass er »Spiderman« angucken darf. Bertils Vater hat bereits »Nein« gesagt, da er sich an die Vorgaben der FSK halten möchte und weil er generell gegen solche Action-Streifen für Kinder ist. Bertil: »Alle dürfen Spiderman gucken. Alle. Und ich bin dann wieder der Blödmann, der nur Babyfilme gucken darf.« Vater: »Ich glaube gar nicht, dass alle den gucken dürfen. Die Eltern von Ben und Paul sind doch auch ganz vernünftige Leute. Dürfen Ben und Paul den gucken? Ich glaub, ich rufe da mal an und frage nach.« Bertil: »Du bist einfach nur der doofste Vater in der ganzen Klasse.« Vater: »Jetzt reicht´s aber! Wenn du mich auch noch beleidigst, dann darfst du gar nix mehr gucken, mein Freundchen. Dann zeig ich dir mal, wie doof ich sein kann. Abmarsch! In dein Zimmer.« Türknallen, ein unverständliches Geschrei im Flur und Bertil verschwindet.

Sicher kommt jedem eine solche Familienszene bekannt vor: Es geht plötzlich gar nicht mehr um die Sache, es geht um Macht und um die Wahrung der eigenen Würde. Es gibt am Ende keinen Gewinner, nur Verlierer. Der Vater setzt sich zwar durch, doch welchen Preis zahlt er dafür? Und das Kind, das ursprünglich nur ganz gewöhnliche, kindliche Interessen vertreten hat, wird mit Druckmitteln auf seinen Platz verwiesen.

Fühlt sich Bertil geborgen? Hat der Vater aufrecht seine Position zu Kinder- und Jugendfilmen vertreten? Wird Bertil in Zukunft mit seinem Vater cineastische Gespräche führen und von Lieblingsfilmen farbenreich berichten? Der Vater hat in dieser kurzen Sequenz die Verbindung zu seinem Kind durchtrennt. Keine Mutter und kein Vater wird bewusst Situationen schaffen, in denen die Kinder leiden. Und doch geschieht dies tausende Male im Lauf des Zusammenlebens. Wenn es also nicht daran liegt, dass Eltern Monster sind, woran liegt es dann? Bringen uns etwa die Kinder dazu, die Dinge zu sagen, die wir sagen? Ich kenne viele Eltern, die immer wieder völlig resigniert sind und sich so oder so ähnlich äußern: »Ich höre meine Mutter/meinen Vater reden, wenn ich den Mund aufmache. Ich will das nicht, aber ich kann nicht anders.«

Die Eltern leiden ähnlich stark unter ihrem eigenen Erziehungsstil, wie es die Kinder tun. Und die Frage, wie es denn anders geht, ohne Kontrollverlust und ohne Chaos, die beschäftigt nahezu alle Eltern irgendwann einmal.

Wie geht es mir und wie geht es Dir?

In den letzten zwei Jahrzehnten kamen immer wieder neue und »total effektive« Erziehungskonzepte auf den Markt. Mal wurde das aktive Zuhören propagiert, mal wurde eine »stille Treppe« als Allheilmittel hochgelobt. Doch selbst die »Supernanny« hat irgendwann ihre stille Treppe verlassen und sich selbst eines Besseren belehrt. Und hat Ihnen schon mal jemand aktiv zugehört, ich meine mit der Methode »aktives Zuhören«? Da wird ihnen beim Zuhören übel. Es gibt keine Methode der Erziehung. In jeder Methode fehlt der Faktor Mensch! Ich kann nicht mein Leben und das meines Kindes nach Plan abrichten. In der Erziehung kommt es wesentlich auf zwei Dinge an:

Wie geht es mir und wie geht es dir?

Wie können wir beide jetzt miteinander umgehen?

Wenn mich Eltern beispielsweise fragen: »Muss ich immer ganz konsequent bleiben? Darf ich nie Ausnahmen machen?«, dann frage ich sie zuerst, ob sie konsequent sein möchten. Willst du Konsequenz? Grundsätze nützen nichts, wenn sie nicht die eigenen sind. Dann stimmen nämlich die Gefühle nicht mehr mit dem Gesamtpaket überein. Verordnen Sie doch mal jemandem, der auf Ordnung und Struktur steht, er soll einfach mal die Spülsachen einen Tag stehen lassen. Glauben Sie, er hat die gleichen Gefühle dabei wie Sie?

Macht oder Empathie?

Bertil möchte anfangen, über sich selbst zu bestimmen. Und somit auch darüber, was er guckt. Bertil will nichts Böses, doch er hat noch nicht den Weitblick zu verstehen, was passieren kann, wenn er ungeeignete Filme anschaut. Vielleicht hat er von dem Film gehört und möchte in seiner Gruppe mitreden. Er will dort ernst genommen werden und vielleicht einfach nur Spaß haben. Und der Vater möchte seine Aufgabe als guter Vater wahrnehmen. Er macht sich Sorgen darüber, was ein ungeeigneter Film bei seinem Sohn anrichten kann. Er will dessen kindliche Unschuld erhalten, will ihn schützen und mit ihm in Verbindung sein. Und er möchte auch seine Kompetenz erhalten und respektvoll behandelt werden.

Wir können hier die Bedürfnisse von zwei Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen sehen und nachvollziehen. Nun kommt der Moment, an dem beide bewusst oder unbewusst vor einer Entscheidung stehen: Wählen sie den bekannten Weg der Macht und Rechthaberei, oder gehen sie auf das unbekannte Terrain der Empathie?

Gehen wir noch einmal zurück: Bertil möchte »Spiderman« gucken. Der Vater will das nicht. Er hat verschiedene Möglichkeiten zu reagieren. Gewählt hat er die des gewaltvollen Handelns seinem Sohn gegenüber. Er stellt Bertils Aussage, alle dürften das gucken, in Frage. Er will durch Kontrolle beweisen, dass Bertil lügt. Er kann auch viel schlichter einfach zeigen, dass die Verallgemeinerungen – charakteristisch für das Lebensalter von Bertil – meist nicht stimmen und man sich von ihnen nicht leiten lassen darf. Die Bedürfnisse Bertils sind ihm anscheinend egal. Bertil kann gar nicht anders, als härtere Geschütze aufzufahren. Der Vater hat aber auch die Möglichkeit, empathisch mit Bertil umzugehen. Er kann ihn fragen, was ihn an dem Film so interessiert: »Magst du mir erzählen, was dich am meisten interessiert?«, kann ihn fragen, was seine Klassenkameraden davon berichten. Und am wichtigsten ist es, darauf einzugehen, wie Bertil sich fühlt, wenn er nicht gucken kann, was die anderen gucken: »Willst du mit den anderen mitreden können?« Mit großer Wahrscheinlichkeit wird ein solches Gespräch Bertil zeigen, dass sein Vater ihn verstehen will. Vielleicht wird er antworten: »Ja, ich will einfach selber entscheiden, was gut für mich ist. Mich nervt eure Bevormunderei.« Er kann offen mit ihm sein. Der Vater kann wiederum seine Sichtweise bezogen auf seine eigenen Bedürfnisse darlegen. Er kann so etwas sagen wie: »Ich bin besorgt, wenn ich daran denke, dass du Filme guckst, in denen Gewaltszenen vorkommen. Da bekomme ich Angst, weil mir wichtig ist, dass du liebevoll aufwächst.« In einem solchen Gespräch wird niemand das Gesicht verlieren. Bertil kann unterscheiden, dass die Liebe seines Vaters nicht an ein Wohlverhalten gekoppelt ist. Ich weiß nicht, ob Bertil am Ende eines solchen Gespräches den Film gucken darf, die Möglichkeiten sind vielfältig. Doch ich weiß, dass Bertil und sein Vater die Verbindung zueinander behalten werden, wenn sie empathisch miteinander sind. Unsere Kinder sind jedoch nur dann in der Lage, empathisch, also mitfühlend, mit uns und miteinander zu sein, wenn sie das von uns lernen.

Empathie ist mittlerweile in aller Munde. So leicht es sich anhört, so verzwickt ist es, sie im Alltag zu praktizieren. Alte Muster sind schneller als unser Bewusstsein, wenn wir agieren. Die Umstellung unseres gesamten Denk- und Sprechmusters dauert eine ganze Zeit. Doch schaffen wir es, dann wird die Welt sanfter und der Druck, einen Schuldigen zu finden, fällt weg.

 

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